Anna Coleman Ladd: Masken der Hoffnung
Shownotes
Anna Coleman Ladd ist eigentlich Künstlerin, keine Ärztin, trotzdem findet sie im Ersten Weltkrieg einen ungewöhnlichen Weg, versehrten Menschen zu helfen. Zwischen zerstörten Gesichtern und verlorener Identität entwickelt sie eine Idee, die alles verändert. Doch kann Kunst wirklich heilen, wo Medizin an ihre Grenzen stößt?
Jaques Joseph hatte ähnliche Ansätze Körpermerkmale zu ersetzen, hört ihr hier.
“Behind Science” gibt’s jeden Samstag – am Science-Samstag. Zwischendurch erreicht ihr uns per Mail und Instagram, und hier gibt's unsere Links, die gerade wichtig sind.
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00:00:01: Schönen Science-Somstag, hallo alle zusammen.
00:00:06: Marie ich muss sagen, ich fürchte mich so ein bisschen vor dieser Folge weil sie echt ein dunkles Kapitel der Geschichte in einem schrecklichen Krieg beinhaltet aber auch sehr viel Hoffnung enthält.
00:00:19: Ich verstehe dein Gefühl also das Recherchieren von dieser Folge.
00:00:23: das hinterlässt auf jeden Fall erst mal nicht so angenehmes Gefühl und hinterläßt Bilder im Kopf.
00:00:32: Also vielleicht, wir haben auch schon überlegt eigentlich wäre das so eine Folge da hätte sich vielleicht auch mal ein Videopodcast angeboten einfach damit wir hier so ein paar Bilder mit euch teilen können.
00:00:42: aber wir werden alles geben damit ihr heute viele Bilder im kopf habt und vielleicht reicht es auch schon.
00:00:49: ja
00:00:49: und wir verlinken euch auf jeden fall auch ein paar bilder weil Es ist einfach so.
00:00:55: Ja man muss nicht das angucken kann ich das sonst gar nicht vorstellen worüber wir hier sprechen.
00:01:01: Die Geschichte lässt sich auch schwer in so eine Kategorie einordnen.
00:01:05: Es geht um Krieg, es geht aber auch um Kunst, um Identität und um eine Frau, die all diese Themen auf eine sehr ungewöhnliche Weise miteinander verbunden hat.
00:01:17: Wir sprechen heute über Anna Coleman Latt und eine erste Form der Prothetik, die Soldaten ein neues Gesicht gegeben haben.
00:01:29: Geschichten
00:01:30: aus der Wissenschaft.
00:01:32: Mit Marie Eichhoff und Luisa Pfeifenschneider.
00:01:37: Eine Frau gewesen, die man gerne um sich hatte.
00:01:41: Emma muss ich sagen weil sie nicht aus Deutschland kamen aber so stell' ich mit sie mir zumindest vor.
00:01:46: also die hatte irgendwie glaube ich ein Gespür für die Sorgen der Menschen und hat nicht nur zugehört sondern ist auch aktiv geworden, hat aktiv versucht Lösungen für Probleme zu finden und dadurch hat sie vielen Soldaten ja ein neues Leben geschenkt die ihr dann auch vor Dankbarkeit Jahre später noch Dankes schreiben geschickt haben, obwohl die Zeit in der sie gelebt hat wie gesagt sehr, sehr dunkel war.
00:02:11: Ja,
00:02:12: die Zeit war dunkel aber ich glaube wenn du in der Nähe von Anna gelebt hast dann war sie für dich ein Stückchen heller.
00:02:18: Also
00:02:20: ja...
00:02:21: Sie ist wirklich so'n Mensch hat Sonne mitgebracht, so in meiner Vorstellung.
00:02:26: Ich
00:02:26: stelle ich mir auf jeden Fall auch so vor.
00:02:28: und irgendwie wenn man sich auch Fotos von hier anguckt sie strahlt auch sowas Warmes und gut Herziges irgendwie aus.
00:02:34: Ja
00:02:34: total.
00:02:35: und gleichzeitig hatte es glaube ich sie aber nicht... so belastet, weil man also wenn ihr gleich ihre Geschichte kennt.
00:02:42: Man hätte jetzt auch sagen können Mensch Anna warum hast du dir kein unbeschwertes Leben gemacht?
00:02:46: Denn das hat sich nicht gemacht.
00:02:49: aber ich glaube Das war für sie genau richtig so und das hat ihr mehr gegeben In ihrem leben.
00:02:56: das können wir auch schon mal vorab sagen gibt es sehr viele Parallelen zu dem leben von Jack Joseph.
00:03:01: dass ist ein Arzt den wir hier schon Mal in einer anderen Folge vorgestellt haben.
00:03:05: Der hat als einer der ersten Nasen und Ohren gerichtet, und gilt deshalb als eine der ersten plastischen Chirugen der Welt.
00:03:14: Er war aber Arzt und hatte gerne ganz andere Wissensgrundlage als Anna.
00:03:20: also sie haben ein bisschen was ähnliches gemacht, aber wirklich mit ganz unterschiedlichen Hintergründen.
00:03:26: und deswegen möchte ich euch unbedingt die Story von Anna heute erzählen.
00:03:31: Und wir steigen mal damit ein, dass die Achtzehnhundertachtundsiebzig also vor Hundertachundvierzig Jahren in den USA geboren wird.
00:03:39: Wenn wir über einer sprechen müssen wir erstmal über die Zeitsprechenden der sie gelebt hat denn Anfang des zwanzigsten Jahrhundert ist die Welt im Umbruch Und es bahnt sich ein Krieg an.
00:03:50: Der Erste Weltkrieg beginnt, und verändert alles nicht nur politisch sondern auch technologisch und natürlich gesellschaftlich.
00:04:00: Ja also es wandelt sich wirklich alles in das Quer über die Kontinente hinweg.
00:04:06: Und Anna erlebt das vor allem ja durch die Nachrichten weil sie eben nicht in Europa sondern in den USA in Nordamerika lebt.
00:04:14: Aber die Nachrichten hinterlassen auch bei ihr Spuren.
00:04:18: Ich finde das immer so eine unglaubliche Vorstellung, wenn man dann da so in Frieden lebt aber halt nebenan sozusagen eben dieser Krieg tobt.
00:04:29: Das kennen wir ja auch, wenn wir heute Bilder von Kriegen sehen, das fühlt sich einfach so verrückt und so falsch an.
00:04:37: Und sie sieht jetzt da die Bilder von verletzten Soldaten, von entstellten Soldatens natürlich Totensoldaten und in ihr beginnt es zu arbeiten.
00:04:47: Sie fragt sich, was kann ich denn tun um den Überlebenden aber schwer entstellten Soldaten zu helfen?
00:04:55: Ja und dazu muss man auch wissen im Ersten Weltkrieg da hat sich zum ersten Mal die Art der Kriegsführung verändert.
00:05:02: also es gibt nicht mal diese Kämpfe Mann gegen Mann, sondern es ist ein industrialisierter Krieg.
00:05:08: Das heißt, es gibt jetzt Maschinengewehre, Artillerie, Granaten und das alles in einem Ausmaß dass man vorher so noch gar nicht kannte.
00:05:18: Und das führt dann eben auch dazu, dass es eine ganz neue Art von Verletzungen gibt also diese fürchterlichen Entstellungen die es so vorher auch noch nicht
00:05:28: gab.
00:05:31: Es ist wirklich, da läuft es einem wirklich kalt in den Rücken runter.
00:05:34: Und besonders auffällig sind dabei eben diese Gesichtsverletzungen.
00:05:39: Soldaten die aus dem Schützengräbenhaus kämpfen heben natürlich als erstes so den Kopf über die Ab... also über den Schützenkram hinweg und sind damit extrem exponiert werden von Kugeln, von Splittern, von Explosionen getroffen eben häufig im Gesicht.
00:05:57: Und das führt zu so schrecklichen Verletzungen die... halt total entstellend sind.
00:06:03: Also teilweise haben Soldaten ihren Unterkiefer verloren, ihre komplette Augenpartie oder die Nase und einige waren dann so schwer entstellt dass man sie wirklich gar nicht wieder erkannt hat weil das gesamte Gesicht so weggerissen wurde aber sie trotzdem überlebt haben.
00:06:21: nur eben mit dieser unglaublichen Entstellung im Ja
00:06:26: und das ist ja auch das, wo du wenn du eine Menschen begegnest als erstes hinguckst.
00:06:33: Das Gesicht macht dich ja total aus!
00:06:36: Das ist irgendwie erstmal so deine persönliche Marke als Mensch dein Wiedererkennungswert.
00:06:44: Man möchte Menschen ins Gesicht gucken weil es
00:06:46: eigentlich... Schön ist es genau.
00:06:50: Und sich dann fortzustellen, dass da diese ganzen entstellenden Verletzungen zu sehen sind und das macht nicht nur körperlich was mit den Menschen die da... ...entstellt werden sondern auch seelisch.
00:07:02: Ja ja total!
00:07:04: Da haben wir schon in der Folge über Jacques-Joseph drüber gesprochen.
00:07:08: Das waren ja auch super junge Menschen ne?
00:07:11: Das war ja teilweise weil sie eher noch Kinder als Erwachsene.
00:07:15: und wenn man so früh Sein Gesicht, seine Identität eigentlich verliert.
00:07:20: Ist das wirklich für den Rest des Lebens einfach Schicksal entscheidend?
00:07:27: Ob man da noch mal jemanden kennenlernt, ob man da heiraten wird.
00:07:33: Wenn man eben so schwer entstellt ist dann halt die Frage ich muss irgendwie immer wieder an ein Gespräch mit einer Freundin denken.
00:07:39: vielleicht hab' ich das ja auch schon erzählt.
00:07:41: kann man aber auch irgendwie nochmal erzählen Wir haben den Film zehnt und siebzehn geguckt.
00:07:46: Das ist ja auch so ein ganz bekannter Kriegsfilm über den ersten Weltkrieg.
00:07:52: Es gab jetzt nochmal eine neue Auflage.
00:07:54: Die wurde in einem Schnitt oder fast einem Schnitt gedreht, also ohne Schnitte quasi.
00:08:01: Du wirst da richtig reingezogen.
00:08:03: und dann gibt es eine Szene wo der Protagonist mit einem französischen Soldaten so richtig ... im Schlamm kämpfen die noch so wirklich bis zur letzten Sekunde.
00:08:13: Also da ist es dann so Mann gegen Mann und mit den bloßen Händen... ...gegeneinander, und dann ist halt die Frage wer wird er am Ende gewinnen?
00:08:22: Und da meinte ich die Freundin, mit der ich den Film gesehen habe so Ich fand diese Szene so krass weil heute würden diese zwei jungen Leute also die waren irgendwie vielleicht... ...sebzehn, achtzehneunzehn irgendwie sowas Würden irgendwie Erasmus machen, würden sich beim Erasmus in der Kneipe kennenlernen und da lagen die halt einfach in so einem Schlamm geraden und haben sich gegenseitig umgebracht.
00:08:43: Und das ist mir so im Gedächtnis geblieben was sie da gesagt hat.
00:08:47: also dann muss ich ganz oft dran denken heute ist einfach Frieden zwischen zum Beispiel Deutschland und Frankreich.
00:08:55: Man macht Erasmuss man lernt sich irgendwie bei einer Party kennen aber um Gottes Willen sind zwei junge Menschen zum Glück hier nicht in solche Szenen verstrickt.
00:09:06: Das ist mir voll im Kopf geblieben und da hat mich dann diese Geschichte um Anna noch mal ein bisschen mehr mitgenommen.
00:09:12: Ja, und
00:09:12: eben selbst wenn die jungen Menschen damals aus dem Krieg zurück kamen ... aber so entstellt waren... Selbst wenn du danach auf eine Partie gegangen bist, es war ja nicht so wie vorher.
00:09:27: Wenn man
00:09:28: auch kennengelernt hätte, das wäre ein ganz anderes Kennlernen gewesen direkt.
00:09:32: Weil du dein
00:09:32: Gesicht nicht mehr hast!
00:09:34: So jetzt brauchen wir ein bisschen Hoffnung.
00:09:35: Genau, genau an diesem Punkt wird nämlich Annas Geschichte jetzt relevant.
00:09:40: aber bevor wir da einsteigen schauen wir nochmal wer sie ist bevor der Krieg alles verändert hat und dann müssen wir auch in die Welt der Kunst- und Kunstschaffenden schauen denn sie isst vom Beruf Bildhauerin.
00:09:53: Sie studiert Bildhauerei in Paris und Rom, zieht aber später zurück nach Boston wo sie ein Arzt heiratet.
00:10:00: und sie wächst in einer Zeit auf in der Frauen in der Kunst zwar präsent sind, aber oft nicht die gleiche Anerkennung bekommen wie Männer.
00:10:08: Das hat mich hier zum Thema Kunst auch schon mal bei Sibylamerian jetzt zuletzt eine Malerin die das auch sehr zu spülen bekommen hat.
00:10:18: und trotzdem schafft Enners aber, dass sie wirklich die Bildhauerei zu ihrem Beruf macht.
00:10:23: Sie kann sich da richtig als Künstlerin etablieren und wirklich nicht nur als Hobbykünstlerin – sie macht das ganz professionell hauptberuflich, sie ist ja auch ausgebildet, macht Ausstellungen, bekommt Aufträge und er arbeitet sich da wirklich ein Name als Künderin!
00:10:42: Und ihre Arbeiten sind wirklich klassisch.
00:10:43: Also sie macht Skulpturen aus Branche und Marmor, auch oft Porträtes oder so ganz klassische Figuren kann man auch einige noch von tatsächlich heute bewundern.
00:10:54: also eigentlich eine eher traditionelle Künstlerin in Laufbahn und wenn man sich ihr Leben bis zu diesem Punkt anschaut gibt es keinen offensichtlichem Hinweis darauf, dass sie irgendwann einmal – das können wir hier schon verraten an dieser Stelle mit schwer verletzten Soldaten arbeiten würde.
00:11:11: Bei Jacques-Joseph über den wir ja ganz am Anfang auch schon mal gesprochen haben und über dem wir ja schon eine Folge gemacht haben ist es ein bisschen anders.
00:11:18: der ist halt gelernte Arzt gewesen und da war das so ein bisschen offensichtlicher, dass er sich mit der Gesundheit von Menschen beschäftigt hat oder mit den Körpern von Menschen und Enners Leben hätte vermutlich auch ganz anders verlaufen können.
00:11:31: Weiter dann in der Kunst-Szene, vielleicht mit wachsender Bekanntheit.
00:11:35: Aber dann kommt eben dieser Krieg und er lässt sie nicht mehr los.
00:11:40: Ja.
00:11:41: Ja, Krieg reißt ja immer wieder auch in die... Lebensläufe der Menschen, die wir hier schon vorgestellt haben.
00:11:49: Echt so richtige Löcher oder führt da noch mal in ganz andere Richtungen und so wird sich auch bei Anna jetzt alles verändern.
00:11:57: In zehntinzebzehn stößt sie auf ein Artikel von Francis Derwent Wood.
00:12:02: Er ist vom Beruf Künstler und hat sich aber dem Royal Army Medical Corps angeschlossen Denn nachdem er die brutal entstellten Männer gesehen hat Die aus den Schützengräben zurückgebracht wurden eher eine Abteilung für Masken.
00:12:18: Und zwar im Third London General Hospital, das bald informell als der Tinnnose Shop gilt – also der Zinnnasenladen.
00:12:28: und ja diese Zinn-Nasen sind so ne Art Masken eben und da steigt er ein.
00:12:37: Dieser Artikel, der geht einer jetzt nicht mehr aus dem Kopf.
00:12:41: Also von diesem Künstler, der dann auf einmal so was Medizinisches macht und Menschen, entstellten Menschen mit Masken hilft weil er das Ehemann ja auch Arzt ist und dann einen Job beim Roten Kreuz in Frankreich annimmt gehen die beiden neunzehnt zwölfzehn nach Frankreich Und da sieht sie die Schäden des Krieges plötzlich jetzt auch sehr nahe und wirklich vor ihren eigenen
00:13:06: Augen Ja.
00:13:07: Und Frankreich ist damals ja eines der Zentren dieses Krieges und dort sieht Anna jetzt nicht nur die politischen Auswirkungen, sondern wirklich ganz konkret die menschlichen.
00:13:17: also sie begegnet jetzt diesen Soldaten, die aus dem Krieg zurückkommen und viele von ihnen tragen diese Spuren des Krieges im Gesicht im wahrsten Sinne des Wortes.
00:13:28: Ja, wie gesagt sind Verletzungen die man kaum beschreiben kann ohne dass es unangenehm wird.
00:13:32: Also Teile des Gesichts fehlen, Knochen sind zerstört, Haut ist verbrannt oder zerrissen.
00:13:37: und das Problem ist – wie wir am Anfang auch schon erzählt haben nicht nur medizinisch Es ist auch sozial.
00:13:43: also die Männer werden gemieden ausgegrenzt Nicht unbedingt aus Bosheit sondern weil ihre Verletzung einfach für andere so schwer zu ertragen sind dass auch einfach glaube ich ungewohnt ist, mit jemandem zu sprechen der so ein entstelltes Gesicht hat.
00:14:01: Also das ja liegt einem einfach nicht mehr, man möchte irgendwie in ein vertrautes Gesicht schauen und häufig werden dann diese Menschen eher auch angestarrt und ziehen sich deshalb teilweise komplett zurück.
00:14:15: also das ganze ist wie gesagt nicht nur schlimm für die... Gesundheit, weil sie teilweise auch erblinden oder nicht mehr richtig essen können.
00:14:25: Nicht mal richtig sprechen können.
00:14:27: Sondern da schwingt noch ganz viel weiteres mit.
00:14:31: Dass man so auf den ersten Blick erst einmal nicht sieht.
00:14:33: Ich könnte
00:14:33: mir vorstellen dass das einfach an Schmerz erinnert hat.
00:14:37: Weil alle haben zusammen Krieg gerade erlebt und dann diese Verletzung zu sehen.
00:14:44: Das löst ja ein Schmerzzgefühl in dir aus.
00:14:48: Aber dann passiert jetzt etwas Interessantes, denn wenn Anna diese Männer anguckt reagiert sie anders als viele andere.
00:14:58: Sie sieht da nicht nur die Verletzung in den Gesichtern sondern sie schafft es trotzdem die Menschen dahinter zu sehen.
00:15:04: und gleichzeitig stellt sich auch so eine ganz praktische Frage Was kann sie
00:15:09: tun?
00:15:10: Sie ist ja keine Ärztin, sie kann jetzt also keine Operation durchführen.
00:15:14: Aber sie hat ein tiefes Verständnis für Gesichter und für Proportionen und für Ausdruck eben als Künstlerin.
00:15:21: Und vielleicht erinnert sich in dem Moment auch nochmal an den Artikel über diesen Zinnnasenladen von Francis Wutt.
00:15:29: nach einem Treffen mit ihm gründet sie auf jeden Fall in Paris dann einen Studio for Portrait Mests Und dieses Studio wird zum amerikanischen Roten Kreuz gehören und wird jetzt Masken herstellen für Männer, die im Ersten Weltkrieg schwer entstellt
00:15:48: wurden.
00:15:49: Also sozusagen ein Laden der individuelle Gesichter anbietet?
00:15:53: Ja!
00:15:54: Man muss sich klarmachen wie komplex das ist.
00:15:57: Es geht nicht darum einfach irgendeine Form zu bauen – es kann man vielleicht bei einem Arm oder so noch eher machen, dass da einfach eine Portese dran ist.
00:16:07: Aber diese Masken sollen wirklich individuell sein angepasst an die jeweilige Person und vor allem möglichst realistisch aussehen.
00:16:17: Das Problem dabei ist, die Personen gibt es mit dem Aussehen?
00:16:20: Ja, nicht mehr und deshalb arbeitet Anna ganz viel mit Fotos aus der Zeit vor dem Krieg sofern es da Fotos gibt.
00:16:28: Sie spricht aber auch einfach mit den Männern darüber wie sie früher ausgesehen haben.
00:16:32: Manchmal gibt's halt nur diese Beschreibungen, nur Erinnerungen und daraus muss sie dann ein Gesicht rekonstruieren!
00:16:41: Und das finde ich eine unglaubliche Leistung.
00:16:43: Ich weiß nicht... Wie gut könntest du dich beschreiben wenn du jetzt
00:16:47: Boah, mein Gesicht quasi.
00:16:49: Also quasi ohne ein Spiegel?
00:16:50: Ja!
00:16:51: Das ist schwierig.
00:16:53: Boah keine Ahnung.
00:16:56: Ich frag mich auch manchmal wenn man so... ich war noch nie in der Situation aber dass man so Phantom-Bilder erstellen muss und dann irgendwie andere beschreiben muss.
00:17:04: Ja stimmt Aber du hast echt die Frage wie gut könnte ich mich selber beschreiben?
00:17:08: das eigentlich noch interessanter weil das eigene Gesicht sollte man ja eigentlich kennen.
00:17:13: Ja.
00:17:14: Ich glaube,
00:17:16: ich würde als erstes quasi anfangen mit meinen Haaren und meine Brille beschreiben.
00:17:23: Dabei ist das ja eigentlich gar nicht so frei
00:17:26: von meinem Gesicht.
00:17:27: Ersetzlichster?
00:17:31: Ja.
00:17:31: Mir hat zum Beispiel bei irgendjemand letztens gesagt, ich hätte ein schmales Gesicht...
00:17:36: Und danach habe ich gedacht,
00:17:37: hab' ich ein schmales Gesicht?
00:17:39: Echt?!
00:17:40: Und musst du dann irgendwie noch mal so richtig hin ins Spiegel gucken und gucken?
00:17:44: Ja, stimmt.
00:17:45: Schon vielleicht schmal!
00:17:47: Ist schmal... aber jetzt auch nicht das erste, was mir nur einfallen würde.
00:17:51: Aber ich wüsste ja jetzt auch nichts.
00:17:53: Ich würde dich anderen beschreiben wie du aussehst.
00:17:57: Also ich finde das richtig schwierig.
00:17:59: also mit Fotos klar, aber auch da.
00:18:02: dann hast du vielleicht Fotos die Der Krieg ging ja auch ein paar Jahre.
00:18:07: Da waren ja Fotos noch nicht so wie heute, dass jeder ständig Fotos von sich hatte.
00:18:12: Dann waren die vielleicht auch paar Jährchen alt oder nur Kinderbilder?
00:18:16: Also ich finde es eine Wahnsinnsleistung, die sie da vollbracht hat das erstmal quasi sich vor ihrem inneren Auge vorzustellen, wie diese Person ausgesicht haben könnte.
00:18:32: Und das hat auch zu diesem Zeitpunkt damals noch nie jemand in diesen Umfang versucht.
00:18:39: Es wird geschätzt dass dreitausend französische Soldaten Enners Hilfe gebraucht haben und sie versucht jetzt wirklich nach und nach sich um diese Männer und ihre Gesichter zu kümmern Und alle, die zu ihr kommen wollen brauchen aber einen Empfehlungsschreiben vom Roten Kreuz.
00:18:57: Also es ist schon mal so eine Hürde und dann erstellt Anna immer zuerst ne Gipsmaske um ne Kopie des Gesichtes anzufertigen also macht so ein Abdruck und dann kann sie damit weiterarbeiten.
00:19:10: Ja und dieser Abdruck das fand ich ganz interessant ist aus guter Percher Das ist so'n Kautschuk ähnlicher Stoff Und der Begriff ist hier schon mal gefallen.
00:19:20: Ich habe direkt, als ich Guter Pächer gelesen habe gedacht... Ach!
00:19:22: Es hat
00:19:23: geklingelt ausgerichtet bei dem
00:19:25: Wort
00:19:25: irgendwie?
00:19:26: Ja es ist auch, also ich hatte das vorher jetzt so noch nicht gehört und zwar kam das vorhin in der Geschichte von Cyrus Westfield und der Verlegung des ersten Telegrafenleitungen von Europa nach Amerika finde ich ganz spannend, in welchen Unter-, also diese Telegrafenleitung selbst war mit Guter ummantelt und deswegen
00:19:49: war das erst so möglich.
00:19:51: Komplett anderer Zusammenhang, aber ich finde es so spannend halt dass das so unterschiedliche Bereiche der Materialwissenschaften erreicht haben erster für gesorgt hat, dass so Dinge möglich waren also wie auch so ein Stoff einfach Prozesse und Wissenschaften und Möglichkeiten verändern kann.
00:20:08: In verschiedenen
00:20:09: Gebieten.
00:20:10: Genau, deshalb blieb ich ja unser Behind-Science-Universum weil man da eben so parallel in der Geschichte erkennt die man sonst nicht gesehen hatte.
00:20:18: also Ja
00:20:20: diese Form die dann dadurch entsteht von dem jeweiligen Gesicht die nimmt Anna dann um damit das Prothesenteil aus extremen dünnem verzinkten Kupfer zu konstruieren Will wird dann mit Harteemaldia bemalt, um dem Hautton des Empfängers zu ähneln.
00:20:39: Und dieses Bemalen ist fast eigentlich schon eine eigene Kunstform.
00:20:44: Es geht nicht nur darum genau den richtigen Hautton zu treffen sondern auch so um Schatten und Regelmäßigkeiten.
00:20:52: Vielleicht hatte die Person ja Sommarsprossen vorher Bartstoppeln.
00:20:57: In manchen Fällen wurde auch geguckt können wir da vielleicht irgendwie Haare integrieren?
00:21:02: Augenbrauen, Wimpern.
00:21:04: All das Schnurrbart wird da jetzt versucht nachzubilden zum Teil dann auch
00:21:09: aus
00:21:10: Folie damit dass so ein bisschen einen Dreideh-Effekt bekommt.
00:21:13: und das Ziel ist immer wenn jemand diese Maske trägt soll die Person wieder möglichst echt wirken.
00:21:21: Das heißt damit man zumindest aus einer gewissen Entfernung weil man der Person nicht ganz nahe kommt irgendwie erstmal sehen könnte.
00:21:30: Aha, so sieht Luisa aus zum Beispiel.
00:21:33: Also
00:21:34: erst mal nicht direkt auffällt?
00:21:36: Ja genau und es geht jetzt gar nicht darum dass das gar nicht auffält.
00:21:40: also klar wenn man der Person näher kommt dann wird man schon auch merken dass sich diese Gesichtsteile eben auch nicht bewegen.
00:21:46: aber es geht ja darum dass vorher halt zu diesen entstellten Menschen so eine Distanz eingenommen wurde um die erstmal abzubauen helfen halt diese Masken.
00:21:56: Also dann kann eine Nähe wieder aufgebaut werden und dann hat man vielleicht dieses... Was ist das?
00:22:04: Ich weiß nicht, diese Abneigung oder diesen Grusel vielleicht auch für Menschen die eben anders aussehen.
00:22:13: Und das ist schon total viel wert!
00:22:15: Diese Masken sind wirklich sehr gut gemacht.
00:22:18: Schaut euch unbedingt Die Bilderreihe an, die wir euch verlinkt haben.
00:22:22: Da sieht man diese Vorher-Nachher-Bilder.
00:22:25: also keine Sorge.
00:22:26: Man kann sich die auch wirklich gut angucken finde ich.
00:22:29: Ja Leute, ich
00:22:30: war auch erst skeptisch als du die meinte.
00:22:32: Ich habe da so eine Bilderei gefunden und dachte ich so weiß ich jetzt nicht ob ich die unbedingt sehen muss aber sie sind sehr ästhetisch und sind auch schwarzweißbilder und es ist echt sehr beeindruckend
00:22:45: Und da sieht man halt dann, wie das Gesicht wieder hergestellt wurde und teilweise hat er nur ein Auge.
00:22:51: Teilweise aber auch dann wirklich komplette Mundpartie also ganz unterschiedlich oder hat nur die Nase und die Masken werden dann normalerweise so an einer Brille befestigt, die über den Ohren eingehakt ist.
00:23:04: Das finde ich auch sehr praktisch dass man da so... Dass das quasi gewohnt ist, dass Menschen Brillen tragen und dann konnte man das da ganz einfach daran befestigen.
00:23:14: Aber das Ganze ist wirklich viel Arbeit und dauert sehr, sehr lang.
00:23:18: Etwa neun Masken pro Monat kann einer mit ihren vier Angestellten herstellen.
00:23:23: Das ist
00:23:24: echt nicht viel!
00:23:25: Und daran merkt man auch dass es wirklich feinst Arbeit ist Und damit gilt sie jetzt wirklich als Pionierin der Anaplastologie.
00:23:33: Wenn die Soldaten endlich dann auch ihre Maske aufsetzen und sich im Spiegel betrachten dürfen, wird es oft sehr emotional.
00:23:41: Und wenn die Männer ihre Masken zum ersten Mal sehen passiert, auf was ganz Entscheidendes, nämlich das finde ich irgendwie so ein... Ja, macht mir jetzt noch Gänsehaut.
00:23:51: Sie erkennen sich selbst wieder oder zumindest irgendwie eine Version von sich die der an ihrem Föhrerin ich ist als das was sie jetzt im Spiegel gewohnt waren.
00:24:02: und dass hat enorme Auswirkungen weil plötzlich können sie wieder das Haus verlassen ohne Angestarrt zu werden, ohne das Gefühl zu haben ausgegrenzt zu werden.
00:24:13: Sie können Menschen begegnen, sie können wieder arbeiten.
00:24:17: Also das hat enorme Auswirkungen auf das Leben dieser Soldaten.
00:24:23: Oh ja, also dieser Moment, wenn die dann erst mal sich selber wieder im Spiegel sehen konnten... Das muss so berührend gewesen sein!
00:24:33: Aber der Weg dahin ist nicht einfach denn Anna muss diese Technik erst mal entwickeln.
00:24:38: Also sie experimentiert eine ganze Weile lang mit verschiedenen Materialien, die nicht unbedingt auch alle dafür gedacht sind.
00:24:47: also sie zweckentfremdet da auf Materialien.
00:24:50: Sie arbeitet auch mit Ärzten zusammen tauscht sich aus lernt noch einmal dazu und schließlich eröffnet sie ein eigenes ATG in Paris das sich genau jetzt auf diese Arbeit mit den Masken spezialisiert hat.
00:25:03: Und dort entsteht etwas dass man fast vielleicht als Schnitt Stelle auch bezeichnen könnte zwischen Kunst und Medizin.
00:25:09: Weil dieser Ort, der wird ja nicht operiert aber trotzdem findet da Heilung statt, seelischer Heilungen auch viel und eben auch so diese besondere Art.
00:25:22: ich glaube auch oft schon dass sie in den Gesprächen mit dem Menschen viel heilen konnte weil sie ihn so besonders begegnet ist aber dann eben auch durch das was ihnen gegeben hat
00:25:33: Ja, weil sie sie halt so angenommen hat und irgendwie ihnen das Gefühl gegeben hat.
00:25:39: Die Version von dir, die es früher gab, die gibt's noch!
00:25:43: Das ist nur quasi eine Fassade, die nicht mehr da ist und die stellen wir jetzt irgendwie wieder her.
00:25:50: Und
00:25:51: ich glaub du, dieses Ich sehe dich noch?
00:25:53: Und ich möchte das andere Dicht auch sehen können.
00:25:56: Auch sehen... ja schon bisschen Psychologin war sie dann da wahrscheinlich.
00:26:04: Und auch wenn jetzt natürlich, da waren ja auch Menschen die sind komplett erblindet gewesen, wenn das jetzt auch nicht deren Funktionen wiedergebracht hat kann es eben... Auch wenn es jetzt nur das Problem in Anführungsstrichen kaschiert, so ein bisschen Normalität zurückbringen, ein bisschen Kontrolle über das Leben und einen großen Unterschied machen.
00:26:29: und deswegen bekommt Anna eben noch lange nach ihren, nachdem sie da die Masken für die Männer erstellt hat, Briefe zugeschickt in denen sich Männer für ihr neues Leben bedanken.
00:26:42: Es wird aber nie eine umfassende Studie durchgeführt, die untersucht ob sich diese Masken bewährt haben.
00:26:48: Aber diese Briefer sind eben so ein bisschen der Beweis dass ja auch die Art wie die Maske gefertigt waren das sehr langlebig war und dass es den Menschen geholfen und was genützt hat für
00:27:03: ihr Leben.
00:27:04: Weil diese Masken in der Arbeit aber so einzigartig sind, wird sie später auch zum Glück dafür gewürdigt.
00:27:12: Sie erhält Auszeichnungen Anerkennung und wird sogar zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt.
00:27:19: ich habe mich gefragt Gibt es Ritter eigentlich auch weiblich?
00:27:23: Hab ich ja mir aufgefragt.
00:27:26: Wir sagen jetzt einfach Ritterin!
00:27:27: Genau, wir sind Ritterinnen und bekommt da wirklich Anerkennung für ihre Arbeit, auch wenn das als viel später passiert und ihre Arbeit lange Zeit vor allem im Hintergrund passiert.
00:27:41: Ja vielleicht weil's irgendwie so eine Schnittstelle ist... Es ist schwer einzuordnen, es ist Kunst.
00:27:46: Ist das Medizin?
00:27:48: Ist das soziale Arbeit?
00:27:50: Aber wir wissen von allem etwas und genau das macht.
00:27:54: ist heute so interessant, denn viele moderne Entwicklungen im Bereich der Prothetik folgen ähnlichen Prinzipien.
00:28:00: Auch die Technologien heute sind daran angelehnt natürlich irgendwie viel weiter und es gibt ganz andere Werkstoffe.
00:28:08: aber die Grundidee bleibt Es geht nicht nur darum eine Funktion zu ersetzen sondern auch ein Stück Identität.
00:28:15: Ja und vielleicht können wir das auch aus dieser Geschichte mitnehmen, dass Fähigkeiten die auf den ersten Blick vielleicht nichts mit einem Problem zu tun haben also wenn man zum Beispiel Künstlerin ist, dass man sich trotzdem dann an Probleme wagen kann, die erstmal fachfremd sind weil vielleicht ist man ja doch die Richtige dafür.
00:28:34: Anna ist kein Ärztin aber sie konnte da was beitragen weil sie gesehen hat was andere nicht gesehen haben.
00:28:42: Da hat daraus dann eine Lösung entwickelt, die wirklich Leben verändert hat.
00:28:46: Nehmen wir das mit?
00:28:47: Ja!
00:28:47: Eine schwere Folge aber auch eine Hoffnungsvolle und nächste Woche geht es auch um eine Geschichte, die wortwörtlich ans Herz geht, aber als echte unter die Haut.
00:29:02: um etwas, dass das Herz wieder zum Laufen bringt.
00:29:08: Ich bin ganz gespannt.
00:29:09: also wir bleiben
00:29:09: in der Medizinerichtung.
00:29:11: bis dahin.
00:29:12: macht es euch schön und
00:29:15: Tschüss!
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